Methodologie klinischer Studien

Klinische Versuche und Beobachtungsstudien

Fallbeschreibungen, Fallserien, Anwendungsbeobachtungen, Beobachtungsstudien und klinische Versuche mit krebskranken Menschen gehören zu den Instrumenten der klinischen Forschung mit Mistelpräparaten. Sie dienen zur Sicherstellung der Unbedenklichkeit, der Verträglichkeit sowie insbesondere der Wirksamkeit einer therapeutischen Intervention mit Mistelpräparaten. Insgesamt liegen bisher Publikationen zu weit über 65 klinische Versuchen und Beobachtungsstudien mit Iscador vor; mehrere Untersuchungen sind noch im Gange oder geplant (siehe Dokumentation).

Unter klinischen Versuchen im engeren Sinne (RCT, randomized controlled clinical trial) versteht man Studien, in welchen die Zuteilung der Patienten zu verschiedenen, meist zwei, Therapiegruppen der Kontrolle des Studienleiters und nicht dem behandelnden Arzt oder Patient unterliegt. Das technische Instrument dieser Zuteilung ist die Randomisation, die bei genügend grosser Patientenanzahl eine Vergleichbarkeit der Therapiegruppen hinsichtlich bekannten und unbekannten Risikofaktoren garantiert. In klinischen Studien des Typs RCT werden per Design die Einflüsse der Arzt- und Patientenpräferenzen sowie des persönlichen therapeutischen Zuwendungs- und Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient minimiert.

Um die vom Wissen und Handeln des Arztes und Patienten unabhängige, nicht subjektiv verzerrte Wirkung eines Medikamentes in einem Kollektiv von Patienten nachzuweisen, wird soweit wie möglich eine doppelte Verblindung in placebokontrollierten Versuchen des Typs RCT durchgeführt. Nicht nur ethische, sondern auch medizinische, menschliche und technische Probleme stehen in vielen Fällen der Realisierung einer Verblindung in einer Studie mit Iscador im Wege. So begleiten zum Beispiel meist auffällige Lokalreaktionen, die sich durch ein neutrales Placebo nicht imitieren lassen, eine Iscador-Therapie und heben so die Verblindung auf. Zudem muss bei einer solchen Behandlung von Krebs der Arzt auf therapieabhängige Reaktionen der Patienten reagieren können, was ohne Kenntnis des Medikaments nicht möglich ist.

Klinische Studien des Typs RCT, gegebenenfalls mit Verblindung, sind besonders aussagekräftig bezüglich der reinen Medikamentenwirkung unter Ausschluss fast aller anderen Faktoren sowie Wechselwirkungen mit denselben (gute interne Validität). Sie tendieren deshalb zu einer Unterschätzung der Wirksamkeit des untersuchten Wirkstoffs; zusätzlich entfernen sie sich beträchtlich von der konkreten alltäglichen klinischen Praxis. Aufgrund der engen Präselektion von therapeutisch indifferenten Patienten - nur wenige Patienten haben heutzutage keine Präferenzen für eine bestimmte Therapie -, lassen sich die Resultate nur schwer auf sämtliche Patienten mit vergleichbaren Krankheiten extrapolieren (schlechte externe Validität).

Für anthroposophisch-medizinische Therapien, insbesondere mit Iscador, sind das ganze Umfeld (Arzt, Klinik, begleitende Therapien) sowie die Wünsche, Überzeugungen und Aktivitäten von Arzt und Patient mindestens so wichtig wie die Gabe der eigentlichen Wirksubstanz selbst. Dies macht die Durchführung von klinischen Studien des Typs RCT mit Iscador, insbesondere solche mit Verblindung, praktisch schwierig bis unmöglich. Deshalb werden in diesem Falle mehrarmige, bestenfalls prospektive Beobachtungsstudien unter Berücksichtigung der Patienten- und Arztpräferenzen aus sachlichen Gründen bevorzugt. Derartige Studien tendieren jedoch eher zu einer Überschätzung der Wirksamkeit der reinen Wirksubstanz (mangelhafte interne Validität); sie spiegeln dagegen die konkrete klinisch Praxis mit allen klinisch relevanten Wechselwirkungen mit anderen Faktoren überzeugender wider (gute externe Validität).

Als Fazit ergibt sich, dass die beiden Studientypen (RCT mit Verblindung und prospektive Beobachtungsstudien) bestenfalls sich gegenseitig ergänzen und folglich in gleichwertiger Weise in eine Gesamtbeurteilung einfliessen können.

Veröffentlichungen

  1. Renatus Ziegler. Methodologie des Wirksamkeitsnachweises. In: Volker Fintelmann (Hg), Onkologie auf anthroposophischer Grundlage, Stuttgart: Mayer (3. Lieferung, 2004).

    Kapitel 6.0: Einführung und Kurzfassung 

    Kapitel 6.1: Zur historischen Entwicklung der klinischen Wirksamkeitsforschung 

    Kapitel 6.2: Erkenntnistheoretische und ethische Grundlagen der klinisch-therapeutischen Wirksamkeitsforschung

  2. Renatus Ziegler. Möglichkeiten und Grenzen klinischer Studien mit Iscador. Mistilteinn 2004, 5: 44–73.
  3. Renatus Ziegler. Neuere klinische Studien mit Iscador zum Mammakarzinom und malignen Melanomen, Mistilteinn 2004, 5: 74–99.
  4. Renatus Ziegler, Wilhelm Gaus (ed.). Comparative Observational Sudies in Therapeutic Researach. Approach to the Development of Guidelines for Research and Reporting. (Proceedings of the Symposium in Rüttihubelbad, Switzerland, 24-27 August 2003). Forschende Komplementärmedizin 2004, 11 (suppl1), 1-55.
  5. Renatus Ziegler. Elements of therapeutic research structure. Forschende Komplementärmedizin 2004, 11 (suppl 1): 5–12.
  6. Franz Porzsolt, Nicole Schlotz-Gorton, Nikola Biller-Adorno, Anke Thim, Karin Meissner, Irmgard Roeckl-Wiedmann, Barbara Herzberger, Renatus Ziegler, Wilhelm Gaus, Ernst Pöppel. Applying evidence to support ethical decisions: Is the placebo really powerless?. Science and Engineering Ethics 2004, 10 (1): 119–132.
  7. Renatus Ziegler. Neue Studien zum Mammakarzinom und zum malignen Melanom mit dem Mistelpräparat Iscador. In: Eva Streit, Lukdas Rist (Hrsg.): Ethik und Wissenschaft in der anthroposophischen Medizin. Bern: Peter Lang, 2006: 95-114.
  8. Renatus Ziegler. Mistletoe preparation Iscador: Are there methodological concerns with respect to controlled clinical trials?. eCAM Evidence Based Complementary and Alternative Medicine 2007:1-12.